Tom Otte

Jeder redet, keiner hört zu …

Jeder redet, keiner hört zu …

In den Beratungen, die ich in den letzen Jahren durchgeführt habe, hat mich die Kommunikationskultur in den Meetings ob auf Ebene der Projektgruppen oder der Managementebene immer wieder beschäftigt. Die Meetings inszenieren sich als Ritual und folgen dem gleichen Muster: A spricht, deswegen muss B auch etwas sagen, C monologisiert gerne und äußert sich zu jedem Thema, D hingegen sagt nichts, führt aber das große Wort in der Kaffeepause. Das „Eigentliche“ aber findet nicht statt, die wirklichen und wichtigen Dinge werden nicht besprochen, jeder hat nur seine Rolle erfüllt.

Auffällig ist immer, wie stark Einzelne damit beschäftigt sind, ihre Vorstellungen einzubringen. Es wird argumentiert wie vor Gericht, als ob man sich und den anderen die Richtigkeit der eigenen Ansichten ständig beweisen müsse. Die Reaktion erfolgt prompt: Es wird abgewehrt, was den ‚Abweichlern‘ angeblich unterstellt oder zugemutet wurde. Verständnisfragen fallen unter den Tisch, niemand hält inne, Nachdenken, Unsicherheit oder Selbstprüfung erhalten keinen Raum. Allen geht es darum, die Themen möglichst zur Entscheidung zu führen und die Sitzung ‚abzuhaken‘. Was sich vollzieht, ist das völlige Gegenteil einer Diskussion.

Hier die wichtigsten Mängel einer solchen Kommunikationskultur:

  • Kaum verbreitet ist die Einsicht, dass es in einer Sitzung um wichtige Fragen geht, bei denen das Beste an Wissen und Erfahrung von jedem nötig ist.
  • Es fehlt an gegenseitigem Respekt, der es jedem einzelnen erlaubt, das zu sagen, was aus seiner Sicht sinnvoll ist, ohne dass diese Beiträge hinterher kolportiert und glossiert werden.
  • Es gibt kein Bewusstsein dafür, dass viele Themen komplex sind, dass es auf viele Fragen keine einfachen Antworten gibt, dass deshalb Gespräche Zeit und eine gewisse Tiefe brauchen.
  • Blockiert ist die Offenheit für das, was die anderen ‚eigentlich‘ sagen, die Aufmerksamkeit für verschiedene Hintergründe und Erfahrungen, die Gewichtung der Bedeutung von Argumenten.
  • Es mangelt an der Bereitschaft, sich auf einen ungewissen Gesprächsfluss einzulassen.
  • Selbstreflexion und Selbstprüfung finden nicht statt; es gibt kein Innehalten, um zu schauen, welche individuellen und kollektiven Denkmuster uns hindern und einschränken.

Die Beteiligten bleiben so in ihren eigenen Denkmustern über die Realität gefangen, über das, ‚was Sache ist‘. Sie bewegen sich in einer Welt der Selbstbehauptung, die sie sich selbst zurechtgezimmert haben, doch sie bewegen sich noch nicht in der Welt des Miteinanders. Genau darum aber geht es: eine teamorientierte neue Wirklichkeit zu schaffen. Statt bei den Besprechungen im eigenen Denksystem zu verharren, braucht es eine neue Kommunikationskultur, wo sich die Menschen im Dialog begegnen.

One thought on “Jeder redet, keiner hört zu …

  1. Klaus Henicz

    Großartig, mein Lieber, du sprichst da auf unnachahmlich otte’sche Weise an, was wirklich das Problem unserer Diskussionskultur ist. Dich hätte man gut mal engagieren können für eine Lehrerfortbildung. Ich werde Dich weiter empfehlen.

    Liebe Grüße Klaus

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