Martin Buber erkannte in den 20iger Jahren, dass die Menschen in ihren Konzepten über die Welt gefangen sind. Ihm zufolge bewegen sie sich in einer „Welt der Orientierung“, aber nicht in der Wirklichkeit. Seine Gedanken sind heute aktueller denn je, sie spiegeln sich im Kontext der Kreativitätsforschung und der Lernenden Organisation.
Unter anderem hat sich Bill Isaacs (Forschungsleiter zur Dialogmethode beim MIT) mit der Bedeutung dialogischer Kommunikation beschäftigt. Isaacs beschreibt den Dialog als Zentrum jeder ‚lernenden Organisation‘, als jenen Ort, wo neues Wissen entsteht, wo das Denken ins Fließen kommt. Seine Erkenntnis deckt sich mit der Sicht der Kreativitätsforschung. Dort ist unbestritten, dass unser Denken zumeist sehr ‚verkrustet‘ ist, dass wir regelhaft gewohnte Denkmuster und erprobte innere Bilder (‚Metaphern‘) auf neue Herausforderungen anwenden. Kreativität kann sich jedoch nur dann entfalten, wenn das Denken ins Fließen kommt, wenn wir den sicheren Hafen altgewohnter Bildwelten verlassen und uns auf eine ‚Reise des Denkens‘ begeben. Nur wenn es uns gelingt, starre Kommunikationsformen „zu verflüssigen“, sind Kreativität und Innovation das Ergebnis.
Isaacs unterscheidet dabei zwischen Gedanken („thoughts“) und Denken („thinking“). Die Gedanken sind für ihn erlernte Muster, die wir durch unsere Wahrnehmung ständig neu bestätigen. Denken hingegen ist ein gegenwärtiger Prozess. Wenn wir denken wollen, müssen wir lernen, langsam zu werden, inne zu halten und aufmerksam unseren Denkprozess zu beobachten. Wir verwandeln uns gewissermaßen von einem ‚Beobachter der Welt‘ in jemanden, der diesem ‚Beobachter der Welt‘ beim Beobachten zusieht. Der Kybernetiker Heinz von Foerster nannte sein Ideal des kreativen Menschen den ‚Beobachter zweiter Ordnung‘. Diese Betonung der Selbstreflexion prägt heute die gesamte humanistische Psychologie wie auch die aktuelle Diskussion um Achtsamkeit.
Warum ist es sinnvoll, zwischen Gedanken und Denken zu unterscheiden? Solange wir ausschließlich unsere vorgefertigten und erprobten Gedanken anwenden, handeln wir aus dem Erlernten heraus, aus dem, was bisher als sinnvoll erweisen hat. Wir „re-agieren“ nur. Um aus der Reaktion heraus zur Aktion, also zum Denken, zu kommen, brauchen wir einen direkteren Zugang zu unseren Möglichkeiten. Das wird möglich, wenn wir die Verbindung wahrnehmen zwischen Gedanken, Gefühlen und Körperreaktionen. Wir müssen eben lernen, uns (und andere) zu beobachten. Nur auf diese Weise kann es uns gelingen, die inneren Bilder oder ‚Metaphern‘ zu sehen, sie abzugleichen und zu hinterfragen – also unsere Vorstellungen von dem, wie wir sind, wie die Welt verfasst ist, und das, was wir tun und wie wir denken sollen. Dieser offene Prozess gibt erst Raum für neue Erkenntnisse, er macht uns kreativ und gestaltend.
Der Sinn eines Dialoges ist es primär daher nicht, etwas bloß zu analysieren oder zu beschreiben, es geht vielmehr darum, das Denken ins Fließen zu bringen, sich als Einzelner seiner individuellen, wie als Gruppe seiner kollektiven Annahmen – oder ‚Vor-Urteile‘ – bewusst zu werden. Es geht auch nicht darum, sich auszutauschen, zu legitimieren, zu überzeugen. Im Dialog sind alle Argumente aufeinander bezogen, es wird miteinander gedacht. Auch ist es nicht mehr wichtig, dass alle zu Wort kommen, oder wer etwas gesagt hat. Wichtig ist allein, dass Wesentliches und Neues gesagt wurde.