Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.
…
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
(Hermann Hesse)
Früher waren die Menschen in ihren Milieus verankert. Wer auf dem Land lebte, tummelte sich in der freiwilligen Feuerwehr oder im Schützenverein; wer in einem Arbeiterbezirk aufwuchs, der wählte die Sozialdemokraten und ging in die Gewerkschaft. Der Unternehmer ging dagegen in den Rotary Club oder auf den Golfplatz, wo er seinesgleichen traf. Man war in der Gruppe unter sich, das ‚Wir‘ zählte, es galt der Gruppenkonsens.
Die fortschreitende Individualisierung der Lebensentwürfe hat innerhalb dieser Milieus gründlich aufgeräumt. Mobilität, Aufstiegsorientierung und eine Geisteshaltung, die das ‚On-Top-Sein‘ zum Ideal verklärt, sorgt heute dafür, dass die ‚Differenz‘ für den Einzelnen Pflicht geworden ist, er muss sich vor allem von den anderen unterscheiden.
Prompt wird die Krankenschwester zugleich Freeclimberin, der Arzt nimmt an der großen Rallye teil; der Automechaniker will als erster auf einem Mountainbike die Welt umrunden. Das Anderssein ist zum Lebensprogramm geworden.
Psychisch stellt das die Menschen natürlich vor Probleme. Was, wenn der Einzelne und Isolierte auf dem großen Markt der Unterschiede als Individuum so rein gar nichts vorweisen kann, wenn er gar nicht aus der Masse hervorsticht? Psychologen und Ärzte rechnen einen großen Teil der anschwellenden Welle depressiver Erkrankungen diesem Zwang zur Individualisierung zu. Unter Umständen entlädt sich dieser Zwang sogar in Amoktaten, wie bei jenem GermanWings-Piloten, der dank eines Massenmordes urplötzlich aus der Masse hervorstach.
„Nicht mehr der »allgemeine Mensch« in jedem Einzelnen, sondern gerade qualitative Einzigkeit und Unverwechselbarkeit sind jetzt die Träger seines Wertes“, wusste schon Georg Simmel, der früh den neuen ‚urbanen Charakter‘ des individualisierten Großstadtmenschen untersucht hat.
Paradoxerweise aber führt gerade die Individualisierung zu einer neuen Form der Vermassung. Keineswegs jeder ist intellektuell in der Lage, die geforderte Individualität aus sich selbst heraus zu entwerfen. Man will ja gerade nicht als ‚Kauz‘ und ‚Unikum‘ durchs Leben wandeln, folglich sucht man sich Vorbilder für ein erwünschtes ‚Image‘ – ein Begriff, der längst die gute, alte ‚Persönlichkeit‘ ersetzt hat. Und diese Vorbilder sucht man natürlich bei den Schönen und Erfolgreichen dieser Welt.
In der Folge laufen dann alle karrierebewussten Jungmänner mit Gelfrisuren durch die Gassen, die ganze Vorstadt klingelt mit Goldkettchen und prangt in Tattoos, Rankings und Charts sagen Männlein und Weiblein, was man zu tragen und welche Ansichten man zu äußern hat, um in angesagte Clubs zu gelangen. Aus der geforderten Individualisierung bildet sich so erneut ein Typus heraus, eine massenhafte Erscheinung, und damit zugleich das völlige Gegenteil eines Individuums.
Auch charakterlich lässt sich diese ‚Typisierung der Individualität‘ festmachen. Kühle, Blasiertheit, reservierte Gespräche ohne feste Überzeugungen sowie generell der Hang zum Smalltalk sind für den Menschen im Zeitalter des Neoliberalismus kennzeichnend geworden. Man lässt nichts mehr an sich heran, verordnet sich soziale Blindheit und pflegt die Egomanie. Was dazu führt, dass diese individualisierten Menschen immer auch höchst einsam sind. Das Ich hat sich in ihnen ‚eingekapselt‘.
Selbst die ‚sozialen Medien‘, all die ‚Likes‘, die ‚Follower‘ und die ‚Freundschaften‘, die man dort schließt, dienen einem individualisierten Menschen viel eher als Statusbeweis denn als Ausweis sozialer Empathie und Kompetenz. Die Werbung, die dann aus seinen Klicks und Links folgt, ist perfekt auf die Nische dieses jeweiligen Individualtypen abgestimmt.
Wie aber kann man dem Zwang zur Individualisierung entgehen? Vielleicht, indem wir wirklich nur das tun, was wir auch möchten, um jenem Zwang zur Nachahmung zu entkommen, den die Individualisierung bewirkt. Dies auch dann, wenn uns unsere Wünsche den anderen wieder ähnlich machen sollten.
moin, tom,
sehr interessantes thema, wenn du einen „lückenfüller“ für dein seminar benötigst, melde dich ruhig bei mir.
wie war das schwitzhüttenwochenende? habe an dich gedacht!
herzlichst
dieter