Tom Otte

Gute Furcht – schlechte Angst

Gute Furcht – schlechte Angst

Die meisten Menschen gebrauchen die Wörter ‚Furcht‘ und ‚Angst‘ ziemlich gleichbedeutend. Das aber macht uns blind für bestimmte Sachverhalte. So ist es etwa durchaus angebracht, ‚Furcht‘ vor dem Klimawandel zu haben. Denn die Furcht hat immer einen oder mehrere rationale Gründe: Die Gletscher auf Grönland schwinden tatsächlich dahin, die Zahl der katastrophalen Wetterereignisse nimmt zu. Es wäre also völlig irrational, einfach unbeschwert wie Peter Pan oder Hans im Glück blind und blauäugig weiter durchs Leben zu stolpern. Erst die Furcht bringt uns nämlich dazu, wirksame Gegenstrategien zu entwickeln. Auch die Furcht vor Sozialabbau wäre zum Beispiel völlig begründet, dann, wenn ein Kapital-Fonds die eigene Firma aufkauft. Schließlich gibt es genügend Beispiele für das daraufhin folgende ‚große Filetieren‘. Furcht basiert immer auf Fakten.

Anders verhält es sich mit Ängsten, die oft von gewissenlosen Menschen noch geschürt werden. Beispiele aus jüngerer Zeit wären beispielsweise die Angst vor einer ‚Umvolkung‘ oder einer angeblich drohenden ‚Islamisierung‘. Obwohl uns doch allen im Grunde klar ist, dass hierzulande noch kein Mensch je gezwungen wurde, plötzlich an Allah zu glauben. Solcher Spuk beruht auf irrationalen Grundlagen, ja fast schon auf magischen Voraussetzungen: „Credo quia absurdum“ – „Ich glaube daran, weil es absurd ist“, sagte schon Kirchenvater Augustinus. Ein Für-Wahr-Halten ohne jede faktische Grundlage – das ist die Quelle der Angst.

Das Kind geht dann nicht mehr in den Keller, weil dort der Butzemann hausen könnte. Wenn ein schwarzer Kater über die Straße läuft, fällt uns unwillkürlich alter Aberglaube ein. Objektive Ursachen für die Zunahme von Ängsten finden wir auch heute. Zu nennen wären bspw. die Globalisierung oder die Digitalisierung, die beide unser aller Leben tiefgreifend verändern werden. Nur ist es längst noch nicht ausgemacht, ob dies zum Guten oder zum Schlechten geschieht. Die Situation ist also ‚diffus‘ – und daher für viele angsterzeugend, vor allem dann, wenn die Komplexität der Ereignisse sie überfordert. Eine einzige Ursache muss dann her – der probate Bauplan aller Verschwörungstheorien. Derart simple Erklärungen, mitsamt all der ‚schrecklichen Vereinfacher‘, die solche Märchen verbreiten, die kommen derzeit zum Zug.

In solchen Situationen verwandelt sich eine individuelle Angst – von Medien befeuert – in eine ‚kollektive Angst‘, manchmal auch in blanke Panik. Es gibt eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen, die beschreiben, wie geschürte Ängste die Gesellschaft verändern: Das magische Denken nimmt zu, das sich dann einen Sündenbock sucht, meist ‚den Fremden‘ oder ‚den Anderen‘, die Aggressionsbereitschaft sinkt, die eigene Zeit erscheint als eine Übergangsphase vor dem bevorstehenden Untergang. Die ‚Apokalypse‘, ein großes Armageddon, wird dann oft geradezu herbeigewünscht.

Es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass wir wieder in einer solchen Zeit leben. Insbesondere, wenn wir die ‚Social Media‘ der Populisten jeder Couleur aufmerksam durchforsten. Vor diesen Entwicklungen sollten wir allerdings Furcht haben, um rationale Gegenstrategien zu entwickeln, aber nicht, um gleichfalls in Angst zu verfallen.

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