Davos 2016:
Die Sonne schien in Graubünden, also auch in Davos. Die Stimmung aber war düster.
Auf dem großen Treffen weltweiter Eliten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft herrschte ein fast schon apokalyptischer Ton: Das ‚Ende des Ölzeitalters‘ schaffe von Russland über Venezuela bis hin zu Angola lauter Staaten, die an mangelnder Nachfrage zu scheitern drohten; es gäbe ein Europa, das in einen überwunden geglaubten Nationalismus zurückfalle, welches dabei die Verträge von ‚Schengen‘ wie von ‚Dublin‘ durch den Schornstein jage. Der Blick der Mächtigen schauderte zurück angesichts der abstürzenden Börsen in Fernost; zugleich orteten sie auf dem gesamten Erdball nur noch Gesellschaften, die sich beide Augen zuhielten, wodurch sie alle ziemlich orientierungslos in die kommende Digitalisierung taumelten.
Nein, das Weltwirtschaftsforum 2016 war keine Veranstaltung, für die eine Vergnügungssteuer erhoben werden konnte.
Ein Thema aber beherrschte alle anderen: Die kommende ‚Digitalisierung‘ soll sich zu einer revolutionären Gewalt auswachsen – dies war die übereinstimmende Meinung aller Entscheider: Die Wirtschaft brauche jetzt keine Menschen mehr – so ließe sich das Ergebnis der Diskussionen ebenso kurz wie versimpelt zusammenfassen.
Natürlich fragt sich jeder zunächst, woher dann die Käufer für die Produkte kommen sollten? Eins wurde dabei klar – wenn schon die Inhaber von Unternehmen und milliardenschwere Portfolio-Verwalter ernsthaft über bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, nur aus einer realistischen Angst vor kommenden Unruhen heraus, dann wird deutlich, welch umstürzende Gewalt diese ‚Industrialisierung 4.0‘ weltweit entwickeln wird.
Für Gewerkschaften bspw. hieße dies: Welche Arbeitnehmer sollen sie überhaupt vertreten, wenn es kaum noch Arbeitnehmer gibt? Bräuchten am Ende gar Roboter eine Interessenvertretung? Und würden die sich nicht Roboter wählen?
Eins jedenfalls ist klar, es wird nicht – wie bisher – so kommen, dass neue qualifiziertere Arbeitsplätze die alten unqualifizierten eins zu eins ersetzen. Schon innerhalb der nächsten Jahre werden Millionen und Abermillionen von Stellen verschwinden, nur ein knappes Drittel davon wird neu geschaffen, vor allem in den sogenannten MINT-Berufen: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik. In allen anderen Branchen werkelt dann der ‚Kollege Roboter‘, so wie es ihm sein Chip befiehlt.
Nicht nur Kellner, LKW-Fahrer oder Kassiererinnen werden künftig überflüssig sein, sondern bspw. auch Anästhesisten, Vermögensberater, Rechtsanwälte, Buchhalter, Banker und Analysten. Die Digitalisierung räumt das gewohnte Lebensmodell des Mittelstandes ersatzlos ab: Ausbildung, Einstellung, Aufstieg, Heirat, Kinder, Einfamilienhaus, Vermögensbildung, Rente.
Ein Rattenschwanz von gesellschaftlichen Problemen hängt mit der kommenden Digitalisierung zusammen, und zwar nicht erst in zwanzig Jahren. Denn dieser Prozess ist längst angelaufen. Wie refinanzieren sich bspw. Staaten, wenn auf der fiskalischen Schröpfskala die ertragsstarken Mittelstandsberufe künftig fortfallen? Wie ernähren sich Menschen, wenn selbst die gut ausgebildeten keine realistische Chance auf einen Arbeitsplatz mehr haben? Wie gibt man Menschen neuen Lebenssinn, wenn die Arbeit als relevanter Anker im Leben keine Rolle mehr spielen wird?
Eine Fülle von neuen Aufgaben für Gewerkschaften, bei denen dann aber auch ‚die Arbeitswelt‘ nicht länger im Mittelpunkt stehen wird. Wir sollten diese Diskussionen jetzt führen, bevor sie morgen die Roboter für uns führen.
Weiterführende Links:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/weltwirtschaftsforum-die-fuenf-lehren-aus-davos-1.2831825
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/01/industrie-4-0-kuenstliche-intelligenz-maschinen