Tom Otte

Unser Kopf ist ein großer Betrüger

Unser Kopf ist ein großer Betrüger

Nehmen wir mal an, wir gingen in ein Geschäft und sähen dort ein Tennis-Set für elf Euro, bestehend aus dem Schläger und dem Ball. Der Schläger koste zehn Euro mehr als der Ball, erklärt uns der Verkäufer.
Also koste der Ball einen Euro, schließen wir messerscharf. Das klingt auf den ersten Blick überzeugend, nur stimmt es nicht. Denn der Schläger müsste dann elf Euro wert sein. In Wirklichkeit kostet der Ball nämlich nur 50 Euro-Cent. Erst dann geht die Gleichung auf.

Unser Gehirn neigt ständig zu derartigen ‚logischen Kurzschlüssen‘. Wir stürzen uns auf die nächstbeste Antwort, die wir erst beim ‚zweiten Nachdenken‘ dann als falsch erkennen. Das Beispiel stammt übrigens von den Nobelpreisträgern Kahnemann und Tversky.
Jeder kennt auch die bunten Seiten unserer Hochglanzmagazine: „Die zehn Wege der Erfolgreichen“, „20 Tipps, um schnell abzunehmen“, „Fünf Gründe, warum die SPD verliert“ usw. Diese Formen des sog. ‚Klick-Journalismus‘ fahnden nach einigen wenigen Gemeinsamkeiten, um daraus dann große Folgerungen abzuleiten: Einstein wäre zum Beispiel ‚schlecht in Mathe‘ gewesen, der Bill Gates auch und der Donald Trump erst – oha! Man müsse also – schließen wir ebenso falsch wie messerscharf – ‚schlecht in Mathe‘ sein, um den Weg zum Ruhm zu beschreiten.
Angehende Schulversager sollten solchen Trost unbedingt meiden. Denn bei näherem Nachdenken erweisen sich diese Folgerungen allesamt als das, was sie sind: blanker Bullshit. Weil der Journalist auf der Jagd nach Aufmerksamkeit stets die ‚statistische Masse‘ unterschlägt. Millionen von Menschen waren schon ‚schlecht in Mathe‘, und sie landeten trotzdem nicht auf dem gesellschaftlichen Olymp, sondern in den Niederungen des Lebens.
Was soll’s, könnte jetzt jemand sagen, im realen Leben sind solche Kurzschlüsse doch irrelevant. Schon wieder solch ein Kurzschluss! Denn im Börsentrubel bspw. werden diese Phänomene durchaus relevant. Weil unser Gehirn darauf gepolt ist, stets Gewinne zu machen, sitzt mancher Stadtkämmerer länger auf seinem Stapel aus RWE-Aktien, als dies für die Finanzen der Stadt gut wäre. Obwohl er doch intellektuell weiß, dass die große Zeit der mächtigen Stromerzeuger vorbei ist. Unser Gehirn ist nämlich ein ‚Belohnungssystem‘, deshalb will der Kämmerer um jeden Preis warten, bis sein Anlagevermögen wieder Gewinn abwirft. Absehbar rauscht er immer tiefer in die Miesen.
Ein weiteres Phänomen, das erst mit dem Internet entstand, ist die ‚Filter Bubble‘: Das menschliche Gehirn nimmt besonders gern solche Informationen auf, die bestehende Annahmen bestätigen. Der Mensch fühlt sich dann auf der Höhe der Zeit. Das Reden von der ‚Lügenpresse‘ wäre bspw. eine solche Erscheinung. Die Nachrichten der sog. ‚Altmedien‘ passen nicht mehr zur inneren Landschaft anfälliger Menschen. Leute, die dann zu esoterischen oder verschwörungstheoretischen Annahmen neigen, nehmen dann nur noch ‚gleichgesinnte Medien‘ zur Kenntnis, solche aus dem Kopp-Verlag, von ‚Russia Today‘ oder aber das Islam-Bashing im Compact-Magazin, von den Kommentaren in den ‚Social Media‘ ganz zu schweigen. Sie glauben tatsächlich in einer ‚Merkel-Diktatur‘ zu leben. Alles Widersprüchliche aber wandert mit dem Stempel ‚Lügenpresse‘ in den intellektuellen Papierkorb. Der Mensch lebt fortan in einer ‚Filterblase‘: Er nimmt nur noch das wahr, was er schon als wahr erkannt haben will.

Wer sich mit dem menschlichen Gehirn beschäftigt, weiß, dass dies der denkbar ausgelatschteste Weg ist, der direkte Pfad in die selbstgewollte Dummheit. Nur wer intelligent ist, der kann auch widersprüchliche Informationen aushalten und verarbeiten. Nur ihm stellt das Gehirn Denkalternativen bereit, die es ihm gestatten, sich wahrhaft frei in der Welt zu bewegen.
Auch Worte aktivieren immer Bilder in unserem Kopf – die sogenannten ‚Metaphern‘. Worte sind nur ‘Trigger‘ oder ‚Auslöser‘, die jene kognitiven Muster aktivieren, die wir längst in uns tragen. Wenn ein libertärer Konservativer schmettert, dass im ‚Gerümpel‘ des Arbeitsrechts endlich ‚aufgeräumt‘ werden müsse, dann ruft er in uns das Bild eines Dachbodens voller Spinnweben hervor, auf dem die verstaubten Kisten aus Opas Zeiten dem Fortschritt im Wege stehen. Nur ist das Arbeitsrecht faktisch kein ‚Gerümpel‘. Der Redner hat aber erfolgreich das erwünschte Bild in uns aktiviert. Misstrauen gegen die Macht der ‚Sprachbilder‘ – und damit gegen unser Gehirn – ist also allemal angebracht.
Wir sollten unseren Denkapparat daher als das betrachten, was er ist: Ein System, das zu Kurzschlüssen neigt, und das wir selbst erst zu Intelligenzleistungen erziehen müssen.

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